Praxistalk

09. April 2019

Die Geburt beginnt
im Kopf

Die Geburt des ersten Kindes löst in vielen werdenden Müttern Unbehagen aus. Jacqueline Singenberger ist drei­fache Mutter und weiss, wie sie Abhilfe schaffen kann: Sie hypno­ti­siert schwan­gere Frauen.Eine Geburt ist etwa das Natürlichste der Welt. Obwohl pro Sekunde zwei bis drei Babys auf die Welt kommen, ist das erste Gebären für viele Frauen etwas Befremdliches. Die Angst vor dem Unbekannten führt dazu, dass sich werdende Mütter verkrampfen und die Geburt zu einer wahren Tortur werden kann. Jacqueline Singenberger ist Hypnosetherapeutin und weiss, dass allein durch Kopfsache die Geburt eines Babys wesent­lich beein­flusst werden kann. Als sie einige Artikel über Geburtshypnose las, war ihr Interesse geweckt. Ihren Ursprung hat diese Art der Geburtsvorbereitung in den USA. Auch in der Schweiz erfreuen sich geburts­un­ter­stüt­zende Angebote, darunter auch Schwangerschaftsyoga, immer grös­serer Beliebtheit. Warum also nicht Hypnose?, dachte sich Jacqueline Singenberger. Die Frauen melden sich meis­tens zwischen der 20./25. Schwangerschaftswoche bei ihr. Damit genü­gend Zeit für die Vorbereitungen ist, wird ein Termin zwischen der 25./30. Schwangerschaftswoche gemacht und sie kommen dann in eine Gruppenstunde oder in eine Einzelsitzung. «Die werdende Mutter kommt alleine oder mit dem Mann, Partner, der Freundin oder Mutter vorbei. Bei einem Gespräch werden Wünsche und Vorstellungen disku­tiert, hat die Gebärende schon einmal geboren oder kennt sie bereits Entspannungstechniken», erklärt die Therapeutin. «In einem weiteren Schritt wird die Geburt visua­li­siert, das heisst, wir arbeiten bereits vor der Geburt mit dem Unterbewusstsein in Form von hilf­rei­chen Bildern und Suggestionen, welche die Schwangere selber bestimmt und die während der Geburt unter­stüt­zend wirken können.» Es sei möglich, dass die werdende Mutter während den Kontraktionen gedank­lich aktiv dabei sein oder aber sich in eine fiktive Welt zurück­ziehen möchte. Doch die einfache Vorstellungskraft reicht für die Hypnose nicht aus. Sie erfor­dert jenen Zustand, den der Mensch kurz vor dem Einschlafen erreicht. Ein Schweben zwischen Dösen und Tiefschlaf. «Das Hirn ist in diesen Momenten bereit für Suggestionen», sagt Jacqueline Singenberger. Bei vielen Frauen gelinge der eigent­liche Akt der Hypnose, jedoch nicht bei allen. Was bringt diese Art der Geburtsvorbereitung? «Die werdende Mutter baut eine klare, posi­tive Haltung auf und versteht, wie eine natür­liche Geburt funk­tio­niert, welche Faktoren die Geburt wesent­lich erleich­tern und was sie und ihr Geburtsbegleiter aktiv und bewusst zur 

Gestaltung ihres Geburtserlebnisses beitragen können», erklärt Jacqueline Singenberger. «Eine Frau ist in der Lage, sich diesen Zustand anzu­trai­nieren. Doch es braucht Übung und Geduld.»

Auf die Frage, ob Väter auch hypno­ti­siert werden können, muss Jacqueline Singenberger lachen. «Sie hätten es manchmal echt nötig, da sie oftmals viel nervöser sind als die Frauen.» In den Kursen könne der Mann jedoch unter­stüt­zend mitwirken, indem er der Frau durch seine vertraute Anwesenheit zur Entspannung verhilft. Bei der Hypnose verwende man soge­nannte Anker oder auch Codes, die einen in den gewünschten Zustand versetzen. Dabei könne der Mann die Frau etwa am Arm berühren oder mit einem Zerstäuber einen bestimmten Duft versprühen. Auch viele Männer würden sich vor dem Gang in den Kreisssaal fürchten. «In früheren Zeit hatte der Mann die Rolle des Beschützers und war nicht Geburtshelfer. Er beschützte den Geburtsort und andere Frauen unter­stützten die gebä­rende Frau», so die Therapeutin. Weil Mütter schwan­geren Frauen am besten mit Rat und Tat zur Seite stehen können, fände sie die alte Tradition der Doulas eine gute Option zur Geburtsbegleitung (siehe Kasten). Doulas sind vor, während und nach der Geburt eines Kindes für die Eltern da, betreuen und begleiten sie. «Es ist doch wunderbar, dass schwan­gere Frauen vom Fortschritt der heutigen Zeit profi­tieren und sich dadurch die Geburt erleich­tern können.»

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